Energiemanagement in der Praxis

                              Wer den Hafen nicht kennt, in den er segeln will, für den ist kein Wind der richtige.

                                                                                                                            Lucius Annaus Seneca

 

Energiemanagement der Segelyacht True Love

 

Wofür benötigt so ein Boot eigentlich Energie?

 

1.  Fortbewegung

 

Da wäre er also, eigentliche Daseinszweck des Bootes, also die Fortbewegung.

 

In unserem Fall, also Segelboot stellt sich das am Beispiel 2024 vom 08. Mai bis zum 10. Juli wie folgt dar:

1300 Nautische Meilen zurückgelegt, davon 1130 gesegelt und 170 gemotort.

Das heißt 87 % hat das Boot ohne primären CO2-Ausstoß zurückgelegt.

 

Warum fördert das Umweltministerium eigentlich nicht die Beschaffung neuer Segel?

 

 

Was kostet eigentlich die Nautische Meile?
Kosten Segeln:
1 Stand neue Segel alle 20.000 NM Kosten 10.000 €                                       Kosten 50 Cent/NM
Verschleiß am laufenden und stehenden Gut ca. 100 €/2.000 NM             Kosten  5 Cent/NM
Gesamtkosten Segeln                                                                                                   55 Cent/NM

 

Kosten Motorfahrt

2 Liter Diesel pro 5 NM = 4 Euro               Tendenz steigend                            Kosten 80 Cent/NM
zuzüglich Betriebsstoffe Motoröl, Kühlmittel, Verschleißteile,                                                  

Impeller, Ölfilter, Motorwartung ca. 200 €/2.000 NM                                      Kosten 10 Cent/NM

Gesamtkosten Motor                                                                                                             90 Cent/NM

 

Dass wir diese Erkenntnisse Seglern eigentlich nicht erklären müssen ist klar und bei Motorbootfahrern versuchen wir es aus hinlänglich bekannten Gründen erst gar nicht.

Testaufbau zu Hause
Testaufbau zu Hause

2.    Sonstiger Energieverbrauch
Spannend finden wir in Häfen die Tatsache, dass trotz bekanntem seemännischen Brauchtum, der Run mit dem Landstromkabel zur letzten freien Steckdose am Steg Priorität hat.
Unser Ansatz war eher der, dass die True Love auf Fahrt und im Hafen energetisch autark und weitestgehend von fossilen Energieträgern frei sein soll.
Dazu habe wir, gemeinsam mit unserem Sohn Tim, 2021 ein Energiekonzept – Erzeugung und Speicherung - erstellt und durchgerechnet. Heißer Tipp an Philosophen, Kinderbuchautoren, Trampolinspringerinnen und Studienabbrecherinnen – Energieumstellung auf erneuerbare Energien - Erst rechnen dann reden. Aber was wissen wir denn schon? Wir sind schließlich bloß Ingenieure.

Energieversorgung und Speicherung True Love vor und nach dem Umbau Übersicht:

 

 

Erzeugung/Speicherung

alt

neu

Bemerkung

Lichtmaschine

60 A

100 A

s. Anmerkung Erwärmung der Lichtmaschine

Batterien Verbraucher

2 x 100 Ah Blei

3 x 100 Ah LiFePO4

2022

 

 

+1 x 200 Ah LiFePO4

2024

Batterie Starter

60 Ah Blei

Geplant 50 Ah AGM

 

Brennstoffzelle

2.000 W

keine

2021 abgeschafft wegen Verfügbarkeit der Methanolkartuschen im Ausland

Solarpaneele

keine

100 Wp auf Sprayhood

2021

 

 

plus 2x 130 Wp auf Bimini

2022

 

 

Plus 200 Wp auf Sprayhood

2023

Batterie für Schlauchboot

keine

50 Ah LiFeOp4

2024

 

 

 

 

Verbrauch

 

 

 

 

 

 

 

Navigation

Ca. 10 Ah

Ca. 5 Ah

Nach Umbau 2021

Heizen

Gas

Diesel

2021

Kochen

Gas

Elektrisch Induktion

s. Anmerkung

Backen

Gas

Elektroofen 19Liter

 

Licht Salon/Navigation

Glühlampen 5 – 25 W

LED 1 – 3 W

2021

Kühlschrank

4 Ah

2 Ah

2023

Laden Mobilphone, Zahnbürsten, Sonstige

1 Ah

1 Ah

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

MPPT-Regler
MPPT-Regler

Die derzeitige Energieinfrastruktur sieht wie folgt aus:

 

Energieerzeugung:
- Solarpaneele gesamt 560 Wp
- Lichtmaschine 100 A und DCDC-Lader 60 A zur Erzeugung einer Ladekennlinie für LiFeOP4
- Landstromladegerät 30 A für LiFeoP4. Dieses soll nach Möglichkeit nicht zum Einsatz kommen.
- Landstromladegerät 6 A für Starterbatterie (reines Backup)

 

 

Energiespeicherung:
Lithiumeisenphosphatbatterien (LiFeOP4) mit gesamt 550 Ah in 3 Batteriebänken
Bleibatterie als Starterbatterie mit 60 Ah

 

 

   

     3.  Energieverbrauch Ermittlung

 

Die Verbräuche haben wir zunächst über eine Saison gemessen, z. B. mit dem Zangenamperemeter während Navigation mit dem Autopilot oder wenn der Kühlschrank läuft.

 

Beim Ermitteln der Grundkonfiguration in 2021 haben wir dabei noch nicht an die komplette Substitution von Gas zum Kochen und Backen gedacht.

 

 

     4.  Energieerzeugung

 

Die primäre Energieerzeugung erfolgt durch die Solarpaneele. Die Orte der Installation sind das Sprayhood mit 200 Wp und das Biminitop mit 2 mal 130 Wp.

 

Die Konstruktion der Halterung auf dem Bimini mit runden Segellatten als Auflage wurde mit den Segelmacherbrüdern Lange in Ueckermünde ersonnen.

 

Die Paneele erzeugen an guten Sonnentagen bis 200 Ah. Bei Regenwetter sind es oft nur 50 Ah pro Tag. Also muss man zwischenspeichern.

 

Wenn gemotort wird, schalten wir bedarfsweise den DCDC-Lader zu. Also nur, wenn die Sonne nicht ausreicht, die Batterien zu laden, z. B. Nieselwetter mit viel Bewölkung und Null Wind.

 

Solarzellen auf dem Bimini
Solarzellen auf dem Bimini
Solarzelle auf dem Sprayhood
Solarzelle auf dem Sprayhood
Variable Solarzelle auf dem verpackten Schlauchboot
Variable Solarzelle auf dem verpackten Schlauchboot
Batteriemonitore bei Regenwetter
Batteriemonitore bei Regenwetter

Erwärmung der Lichtmaschine

 

Die Lichtmaschine kann 100 A leisten. Der DCDC-Lader kann 60 A Richtung LiFeOp4-Batterien abnehmen und die Starterbatterie zusätzlich bis 10 A ziehen. Dabei wird die Lichtmaschine heiß, sehr heiß. Keiner weiß genau wie heiß und keiner weiß wieviel Hitze die Lichtmaschine verträgt.
Und es ist ein blödes Szenario, wenn unterwegs die LiMa abraucht.
Dazu gibt es einen Thread beim Segler-Forum, das vom Schiffbauingenieur Dr. Robert Möckel angestoßen wurde.

Einer der Foristen hatte einen pragmatischen Vorschlag zur Vermeidung der Überhitzung der LiMa:

 

1. Zusätzliche Luftzufuhr zur Lichtmaschine

                                                   

2. Arduin-Schaltung als Schutzschaltung

Messfühler greift an der Lima die Temperatur ab. Bei Überschreitung von 90°C wird der DCDC-Lader abgestellt (über Unterbrechung der Steuerleitung D+ am DCDC). Bei 80°C wird der DCDC wieder zugeschaltet.

Die Schaltung wurde per Chat mit Andy und Joe aus unserem Verein abgestimmt. Die beiden haben sie in einer Woche gebaut, programmiert und inclusive gedrucktem Gehäuse an einen Zielhafen unterwegs geschickt. Alles hat geklappt und funzt. 

 

Wer so eine Schaltung braucht, bitte über die Kommentarfunktion melden.

                                                            

 

Die Brennstoffzelle haben wir 2022 ausgebaut und verkauft. Die Verfügbarkeit der Methanolkartuschen ist im Ausland nicht gegeben und das Mitführen von 25 Litern Methanol ist auch keine Option.

 

Über einen Windgenerator haben wir nachgedacht.
Bei Nieselwetter ist meist kein Wind.
Bei Nacht in der Bucht ist meist kein Wind.
Die Säule zur Installation des Windrades würde die Solarpaneele auf dem Bimini beschatten.

 

Über einen Wellengenerator haben wir nachgedacht.
Hier kann man bis jetzt nur über ein Preis-Leistungs-Unverhältnis schreiben. Wir sehen aber das Potential. So läuft z. B. unser Saildrive beim Segeln mit. Leider gibt es keine Möglichkeiten zum Abgreifen der Energie.

 

Künftige Generationen von Segelyachten werden über elektrische Antriebe mit Rekuperation verfügen. Technisch ist das bereits verfügbar aber leider unerschwinglich.

 

 

     5. Realität versus Planung

 

Nachdem wir im Jahr 1 der Installation 2022 der Solar-/Lithium-Technologie festgestellt haben, dass die Energie so reichlich erzeugt und zwischengespeichert wird, haben wir bereits auf Gas zum Kochen und Backen verzichtet.

 

Gas ist technologisch tiefstes 20. Jahrhundert.
Fossiler Energieträger.
Keine einheitlichen Anschlusssysteme weltweit und in Europa
Explosiv, deshalb 2-jährlich vorgeschriebene Überprüfung, die zunehmend mehr kostet.

 

Betrachtet wird ein Durchschnitts-Szenario des Elektroverbrauches (Tag mit eher hohem Verbrauch).

 

Backen und Kochen erfolgen elektrisch. Die Angabe beim Brotbacken beziehen sich auf 2 Brote, die im Schnitt alle 10 Tage gebacken werden. Dazu kommen 10 Brötchen, die im Schnitt alle 7 Tage gebacken werden. Angegeben wird der Durchschnittsverbrauch der Backperiode. Die Spitze am jeweiligen Tag muss dann durch die Speicherung abgefangen werden.

 

Verbraucher

Strom (A)

Durchschn. Zeit pro Tag in h

Spannung in V

Energieverbrauch in Wh

Ladungsmenge in Ah

Navigation

6

8

13

624

48

Kühlschrank

3,5

8

13

364

28

Kühlbox

3,5

8

13

364

28

Kochen

 

0,2

230

400

31

Backen Brot

 

0,25

230

180

14

Kleingeräte laden (Smartphones, Tablet, Zahnbürsten)

1,5

24

13

468

36

Gesamt

 

 

 

2.348

185

 

 

 

 

 

 

 

Der Durchschnittsverbrauch von 185 Ah wird im Sommer durch die Solarpaneele vollumfänglich abgefangen. Nach dem Brotbacken kann die 300 Ah-Bank schon mal auf 50 % absacken. Das ist aber i.d.R. nach 3 Tagen wieder aufgefangen.

 

Zur Not gibt’s ja dann noch den Motor, der diese Menge in nicht einmal 3 Stunden Laufzeit wieder liefert. Gebraucht haben wir es bis jetzt noch nicht.

 

     6. Sicherheit von LiFeOP4 Batterien

 

Bisher sind keine seriösen Berichte bekannt, dass LiFeOP4-Batterien zu Bränden geführt haben.

 

Es gibt einen Bericht über einen werftneuen Lagoon-Katamaran, der während der Jungfernfahrt ausgebrannt ist. Vermutlich waren es aber eher nicht die Batterien sondern Pfusch am Bau.